„Antisemitismus als Herausforderung für unsere Kirche“ – Nachrichten von der Kreissynode Köln-Nord

„Antisemitismus als Herausforderung für unsere Kirche“ – Nachrichten von der Kreissynode Köln-Nord

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98 Synodale begrüßte Superintendent Markus Zimmermann bei der Herbstsynode des Evangelischen Kirchenkreises Köln-Nord. Man traf sich zu einer Zoom-Konferenz. Die Andacht von Pfarrerin Regina Doffing war vorher in der Junkersdorfer Dietrich-Bonhoeffer-Kirche aufgezeichnet worden. Die Pfarrerin erinnerte an Moses und das Volk Israel, das die Fleischtöpfe Ägyptens verlassen hatte und sich nun dem Mangel ausgesetzt sah. „Wüstenzeiten für das Volk Israel. Manche gehen schnell vorbei, andere dauern lange.“

Der Rabbiner Erwin Schild habe, so Doffing, in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag in Toronto gefeiert. Im Frühjahr 1938 habe er seine Heimatstadt Köln verlassen um sich in Würzburg am Seminar für jüdische Studien als Lehramtsanwärter zu immatrikulieren. „Am 9. November 1938 klopfte der Mob an die Türen des Studentenseminars.“ Mehr als 1.000 Synagogen im ganzen Land brannten. Schild wurde verhaftet und in das KZ Dachau deportiert. 65 Jahre danach habe er die Gedenkstätte besucht. Er habe sich einladen lassen – eingelassen auf Menschen in Deutschland, die von ihm lernen wollen. Doffing erinnerte an Christen, die alle Nichtgetauften missionieren wollten. „Die Taufe wurde unter Androhung des Todes vollzogen.“ Auch die Christen der während der NS-Zeit haben sich schuldig gemacht an den Deportationen und Morden. Aber: „Gottes Treue gilt Israel bis heute.“ Christinnen und Christen, Jüdinnen und Juden könnten heute in einen Dialog treten, in dem beide Seite voneinander lernen.

Zum Thema der Synode „Antisemitismus als Herausforderung für unsere Kirche“ referierte Rafi Rothenberg, Vorstandsvorsitzender der Jüdisch-Liberalen Gemeinde Köln Gescher LaMassoret e.V. „Ich möchte nicht, dass das Judentum auf die Shoah reduziert wird. Ich möchte, dass wir Juden die Opferrolle verlassen. Wir haben eine sehr lebendige Gemeinde hier in Köln“, begann Rothenburg seine Ausführungen. Dann wurde er ironisch. Er habe auch nach 40 Jahren beim WDR noch nicht die Herrschaft über die Medien erlangt, er sei ein miserabler Geschäftsmann, kein Millionär, er sei nicht am Tsunami 2004 beteiligt gewesen, „und bei der Herstellung des Coronavirus hat man mich nicht mitmachen lassen“. Verschwörungstheorien allesamt. Aber man sehe Leute, die von einer Corona-Diktatur redeten und gelbe Judensterne mit der Aufschrift „ungeimpft“. Das sei unerträglich.

Rafi Rothenberg sprach zum Thema Antisemitismus als Herausforderung für die Kirche

„Antisemitismus ist verdammt bequem. Wer antisemitisch denkt, kann alles erklären, hat immer einen Schuldigen und kann immer eine Antwort liefern. Wer kann das schon?“, sagte er weiter. Es sei ebenso unerträglich für die deutsche Gesellschaft und Demokratie, dass Juden ihre Religion nur unter Polizeischutz feiern könnten. Israelische Politik zu kritisieren, sei legitim. „Ich bin da auch nicht mit allem einverstanden.“ Nicht akzeptabel sei die Kritik mit den drei „D“: Delegitimierung, Dämonisierung, Doppelstandard. Es gelte aber auch die Sprache zu verändern. „Jude oder jüdisch muss mehr in die Alltagssprache eingehen. Mosaisch oder abrahamisch ist nicht adäquat. ,Du Jude‘ darf auf dem Schulhof kein Schimpfwort sein. Da müssen die Lehrer sofort einschreiten.“ Richtig sei auch: „Man hat Angst vor etwas, das man nicht kennt.“

Der Anteil der in Deutschland lebende Juden liegt bei rund 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Rothenberg kritisierte, dass auch in den Medien das Judentum häufig auf Antisemitismus und Shoah reduziert werde. Er zitierte aus der Studie „Zivilgesellschaftliches Lagebild Antisemitismus Deutschland“ der Amadeu Antonio Stiftung. Jüdische Perspektiven müssten sichtbarer gemacht werden, der Schutz von Betroffenen von antisemitischer Gewalt und von jüdischen Einrichtungen müsse verbessert werden, es müsse konsequent gegen rechtsterroristische Gruppierungen vorgegangen werden, man müsse islamistische Organisationen wie die Hamas und die Hisbollah in Europa verbieten und dürfe den Antisemitismus in der Linken nicht verharmlosen. Vor allem aber müssten die Bürgerinnen und Bürger Zivilcourage zeigen, lautete Rothenbergs Appell zum Schluss.

Dr. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, erinnerte daran, dass im kommenden Jahr 1.700 Jahre nachweisbares jüdisches Leben in Köln mit zahlreichen Veranstaltungen und Projekten gefeiert wird. So sollen beispielsweise zum Laubhüttenfest zahlreiche Laubhütten in den Stadtteilen aufgebaut werden. Das werde nach der momentanen Planung mit kulturellen und kulinarischen Angeboten verbundenen. Alle Veranstaltungen sollen auf der Internetseite „321.Koeln“ gesammelt werden.

Der stellvertretende Skriba Hanser Brandt-von-Bülow stellte den Antrag an die Kirchenleitung zum Thema Frieden vor.

Im Anschluss an den Themenschwerpunkt verabschiedete die Synode einen Antrag an die Kirchenleitung, in dem sich die Synodalen dafür aussprechen, die Friedensbotschaft Jesu Christi im Rahmen der wissenschaftlichen Theologie intensiver zu reflektieren: „Die Kreissynode bittet die Kirchenleitung, mit der Kirchlichen Hochschule Wuppertal und der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität eine geeignete Form zu finden, um das Thema ,Friedenstheologie‘ in bedeutsamer Weise in Forschung und Lehre zu verankern. Der Landessynode ist über das Ergebnis zu berichten.“ Der Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen.